Seite 48 - CeBIT_2012

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 UNTERNEHMEN & TRENDS
Seit einigen Jahren hat die Innovati-
onsgeschwindigkeit in der Automobil-
branche drastisch zugenommen. Eine
Explosion neuer Funktionalitäten und
Anwendungen im Fahrzeug wirft Fragen
für Automobilzulieferer auf: Benötigen
Fahrzeuge noch passive Sicherheitssys-
teme, wenn sie künftig selbst bremsen
und ausweichen können? Bedeuten al-
ternative Antriebskonzepte auch andere
Ansprüche an die Entwicklungskonzep-
te der Zulieferer? Mehr noch: Produkte
werden zur Commodity, weil sie – etwa
für Navigation und Infotainment – preis-
günstig übers Internet heruntergeladen
werden können. Der verschärfte Innova-
tionsdruck und neue Wettbewerber aus
der IT-Industrie stellen weitere Heraus-
forderungen dar. Die Erfolgsaussichten
der Zulieferer hängen davon ab, ob diese
ihr Produktportfolio, ihre Prozesse und
ihr Intellectual Capital den veränderten
Erfordernissen anpassen können.
Produkte für eine
vernetzte Welt
Das Internet ist im Auto angekommen
– zum Beispiel durch Apps, die mobiles
Computing im Auto oder den Download
von Skins fürs Cockpit ermöglichen.
Durch die Vernetzung von Fahrzeugen
sind nicht nur zielsichere Stauwarnun-
gen möglich, sondern auch ganz neue
Mobilitätskonzepte. So testet Volvo mit
Partnern so genannte Road Trains, bei
denen das vorderste Auto die Elektronik
der folgenden Wagen steuert. Nicht zu
vergessen sind alternative Antriebsmo-
delle, für deren Energiemanagement die
Informationsverarbeitung eine zentrale
Rolle spielt. Rein technisch wären Autos
längst in der Lage, selbstständig zu fah-
ren, zu bremsen und zu parken – dank
geschickter Datenverarbeitung und der
Vernetzung von Geodiensten. Google
zeigt seit fast zwei Jahren, wie Autos
weitgehend autonom Strecken zurück-
legen. Basis dafür ist die immense Re-
chenpower in der Cloud, die geschickte
Vernetzung der Fahrzeugsensoren und
Videodaten sowie exzellentes Software-
Know-how. Von solchen Entwicklungen
sind viele Autozulieferer, wie beispiels-
weise Komponentenhersteller, Produkt-
lieferanten und allen voran Elektroniksys-
temlieferanten, betroffen. Sie alle müssen
sich umstellen, „IT-erweiterte Produkte“
anbieten oder sogar ihr komplettes Port-
folio umsortieren. Sogar Hersteller me-
chanischer Komponenten von Steckern,
Sitzbezügen oder Außenspiegeln suchen
zunehmend nach Möglichkeiten, ihre Pro-
dukte durch Elektronik und Software auf-
zuwerten, etwa durch CAN-Anbindung
und eingebaute Selbstdiagnosesysteme.
Von IT-GröSSen lernen
Zudem erfordern Autos als vernetzte
Computer auf Rädern andere Metho-
den der Produktentwicklung, die bislang
der IT-Branche vorenthalten waren. Mit
SCRUM, agiler Software-Entwicklung
oder Timeboxing machen es Branchen-
größen wie Microsoft vor. In der Au-
toindustrie sind dagegen immer noch
V-Modell, Wasserfall und strikteste Spe-
zifikationsvorgaben der OEMs vorherr-
Im Wandel der Zeit:
Neue Strategien und
weltweite Vernetzung
Die IT macht den Unterschied
Von Dr. Juergen Reiner und Matthias Bentenrieder, Oliver Wyman, München
Die rasanten technologischen Veränderungen zwingen die Automobilindustrie dazu, ihre Strategien zu ver-
ändern und an die Gegebenheiten der Märkte anzupassen. Energieeffizienz und Vernetzung, Bereitstellung
neuer Funktionalitäten – das alles wäre ohne Informations- und Kommunikationstechnologien nicht möglich.
In der Folge werden die Innovationszyklen immer kürzer und neue Teilnehmer an der Wertschöpfungskette
wie Google wirbeln die klassischen Zuliefermärkte durcheinander.
Erfolgsfaktoren für Automobilzulieferer:
n
Produktportfolio überprüfen und ergänzen
n
Prozesse und Tools anpassen
n
Know-how diversifizieren
Dr. Juergen Reiner
ist Partner der globalen Information Technolo-
gy & Operations Practice bei Oliver Wyman in
München. Er berät Automobil-, Hightech- sowie
Technologieunternehmen bei zentralen Ge-
schäftsstrategie- und Technologiefragen. Seine
Schwerpunkte umfassen den IT-Einsatz zur
Geschäftsprozessoptimierung, das Software-
Anwendungsmanagement, Produkt- und
Portfoliostrategien sowie die Optimierung von
Software- und Elektronikentwicklung.
Matthias Bentenrieder
ist Partner und Automobilexperte bei Oliver
Wyman in München. Sein Branchenschwer-
punkt ist die Automobil- und Nutzfahrzeug-
industrie. Er ist Spezialist für innovative
Geschäftsmodelle, Effizienzsteigerungs- und
Umsetzungsprogramme sowie Vertriebs- und
Downstream-Strategien inklusive Financial
Services, Flottenmanagement, Gebrauchtwa-
gen- und Servicestrategien.